Weniger ist mehr – Warum wollen wir so oft Dinge haben, die wir eigentlich gar nicht bräuchten um glücklich zu sein?

„Wow, was für ein tolles Kleid. Das muss ich unbedingt haben!“ „Und guck Dir mal diesen wahnsinns Wagen an. Der wäre mein Traum!“ – Kennt Ihr solche Aussagen und Gedanken auch?

Tatsächlich geht es mir wie wohl den meisten anderen auch. Es gibt Bereiche im Leben – bei mir eigentlich alles an Klamotten, aber besonders Schals und Schuhe – wo man immer wieder „schwach“ wird und doch allzu gerne mal etwas kauft, obwohl man es eigentlich nicht wirklich bräuchte.
Aber träumen wir wirklich von einem Kleid oder Auto? Und viel wichtiger: Würde uns dieses Kleid oder Auto auch nur ein winziges bisschen glücklicher machen, wenn wir es bekämen?
Ich glaube nicht! Denn nur allzu oft geht es doch gar nicht wirklich darum, etwas nutzen zu wollen, sondern eher einfach darum, es zu haben. Um vor den Kumpels ein bisschen mit dem Auto angeben zu können oder weil Frau eben denkt, dass man doch nicht zweimal das gleiche Kleid bei einer Veranstaltung mit dem gleichen Freundeskreis anziehen kann.

Wer verzichtet, fühlt sich entlastet!

Das bestätigt auch Professor Harald Welzer, Soziologe am Kulturwissenschaftlichen Institut Essen: Werbung, Trends oder Freunde geben uns das Gefühl, unter einem „Mangel“ zu leiden und diesen beheben zu müssen, um glücklich zu werden. Doch das Gegenteil ist der Fall! „In unseren superreichen Gesellschaften sehe ich Verzicht nicht als Verzicht, sondern als Entlastung.“
Das erscheint mir einleuchtend! Denn auch ich habe Besitz manches Mal schon als Belastung wahrgenommen. Etwa wenn ich den teuren Ring, den mir meine Eltern zum Abschluss geschenkt haben, lieber doch nicht trage, weil ich ihn verlieren könnte. Oder weil mir die Vielzahl an Kleidungsstücken die Auswahl am Morgen eher schwerer macht, als erleichtert. Zudem erfordert mehr Besitz auch mehr Geld für die Anschaffung, mehr Platz zur Unterbringung und mehr Zeit für Pflege, Nachkauf, Erneuerung und, und, und ….

Aufräumen macht frei!

Der Autor des Bestsellers „simplify your life“, Werner Tiki Küstenmacher, erklärt dieses Phänomen so: „Je unübersichtlicher die Welt um uns herum ist, desto größer wird die Sehnsucht nach Einfachheit. Wenn wir entrümpeln, fühlen wir uns freier und selbstbestimmter.“
So geht’s mir nach dem Aufräumen und Ausmisten tatsächlich auch oft. Und doch fällt es – zumindest mir – im ersten Moment oft nicht leicht, mich von Dingen zu trennen.

„Könnte ich das nicht doch noch irgendwo für gebrauchen?“, oder „Wird meine alte Lieblingsjeans mit extra viel Schlag nicht doch bald wieder modern?“ – mag sein! Doch meine Erfahrung zeigt, dass man sich in diesem Fall dann doch lieber „dieses neue Modell in dem angesagten Grauton“ kauft, als die alte Hose aus den Untiefen des Schranks hervorzukramen. Meist ist sie dann nämlich eh schon in Vergessenheit geraten und rückt erst bei der nächsten großen Aufräum-Aktion in den Fokus.
Also lieber häufiger mal aussortieren! Sich von Dingen trennen, die eigentlich keinen Nutzen haben und vor allem weniger kaufen, was potenziell bald wieder auf dem Flohmarkt-Stapel landet.

Weniger kaufen, aber mehr davon haben.

Unter den Verfechtern den Minimalismus gibt es einige, die sogar sagen, wenn etwas Neues angeschafft wird, muss dafür etwas Altes weichen. Soweit würde ich persönlich nicht gehen. Nicht weil ich denke, dass der Ansatz grundsätzlich falsch ist, sondern eher, weil ich für mich die Erfahrung gemacht habe, dass ich Lebenskonzepte oder Ansätze am besten mit Maß und Freude, aber ohne zwingende Vorgaben umsetzen kann.

Aber das muss jeder für sich entscheiden. Dem einen hilft es vielleicht schon, einfach mal die alten Schubladen auszumisten um ein bisschen mehr Einfachheit in den Alltag zu bringen, während der andere das Bedürfnis hat, sich von immer mehr Besitztümern zu trennen und nur wenige, nützliche oder liebgewonnene Stücke zu behalten.
Ich muss sagen: Seitdem ich vor jedem Kauf mindestens eine Nacht „drüber schlafe“, sind deutlich weniger neue Teile in meinem Schrank gelandet. Und dennoch gab es bislang wirklich keinen Tag, an dem ich nicht ausreichend zum Anziehen gehabt hätte. Im Gegenteil… Eigentlich ist die Auswahl morgens früh um 6 meistens noch immer zu groß für meine müde Phantasie.

Die Folge: 90 Prozent der Tage werden die immer gleichen 10 Lieblingsteile ausgeführt. Noch ein Grund mehr, vielleicht mal wieder auszusortieren. Denn manchmal entdeckt man in den Untiefen des Schrankes Dinge wieder, die eigentlich auch Potenzial zum Lieblingspulli oder -Shirt hätten.

Und was gäbe es schöneres, als jeden Tag nur noch in Lieblingsteilen das Haus zu verlassen?